Doris
Schmidt DAUERNDE
GEGENWART Wenn sich Erinnerung in die
Träume mischt wie im Werk von Arthur Fauser, wird
Vergangenes zum Menetekel - als stünde es noch bevor.
Die Vergangenheit", sagte Fauser 1983 in einem
Gespräch,ist offenbar nicht vergangen, nicht so
lange ich noch lebe; die Zukunft erscheint als Erinnerung,
und alles wird zur dauernden Gegenwart: im Bild". - Dauernde
Gegenwart, das ist seine Realität. Fauser war Pazifist. Die
damit verbundenen Illusionen, sagt er, hat er längst
nicht mehr. Es werde erst dann keinen Krieg mehr geben, wenn
die Menschheit einmal aufhöre, Waffen herzustellen. -
Seine Erinnerungen an den Krieg und die Jahre zuvor im
antifaschistischen Widerstand kann er sich bis heute nicht
von der Seele schaffen. Das Grauen, dessen Zeuge er wurde,
als Soldat in Finnland; die Typen und das Milieu, in dem er
1934 in Genua eine Zeit lang untergetaucht war, drängen
sich immer wieder in die Bilder der letzten
Jahre. Die Realität des Todes
hat diesen Maler immer wieder eingeholt - zuletzt durch das
tragische Ende seines Sohnes Jörg, der 1987, nach der
Feier seines dreiundvierzigsten Geburtstags, auf einer
Landstraße in der Nähe von München
überfahren wurde. Fausers Erinnerungen, seine
Alpträume, die sich in seinen Bildern und, seit den
sechziger Jahren, in vielen Radierungen spiegeln,
durchschneiden die Zeit. Die Projektionen, die sich
durchdringen, die Gestalt gewonnen haben im Werk, sind
freilich umkehrbar: Bedrängendes und Flüchtiges,
Erlebnisse aus dem Krieg, vor allem aus Finnland, stehen in
Bildern, Aquarellen, Zeichnungen und Radierungen vor uns.
Einige Szenen aus dem Krieg in Finnland erinnern an Goyas
Schrekken des Krieges": eine Dimension, die ohne
Zeugenschaft keiner erreicht. In seinem Schauspiel
Tizians Tod", geschrieben nach einer schweren
Krankheit, läßt Fauser den alten Tizian sagen:
. . . Ein Maler, der sich mit dem zufrieden gibt, was
er als Mensch wahrzunehmen vermag, mit demselben, was wir
alle sehen, ist ein Narr, ein Stümper . . . und seine
Bilder [sind] ein Haufen sinnlos verschwendeten
Materials. Als Maler tappe ich im Dunkeln, im Dunkeln meines
eigenen Inneren, der Gruft, dem Labyrinth uralter Ekstasen
und Träume und nie gestillter Begierden - Begierden,
für die ein menschlicher Leib zu eng und zu
schwerfällig ist; Begierden und Räusche des
Gehirns, für die es keine Worte gibt; Visionen und
Offenbarungen, die wie Blitze das Dunkel durchzucken, und
zuweilen, wenn ich Glück habe, gibt das Dunkel sein
Geheimnis preis, und Gestalten und Gesichter fangen an, sich
zu beleben, dieselben, die meine Augen gestern, heute,
irgendwann gesehen haben und vielleicht morgen wieder sehen
werden; aber jetzt sind sie verändert, so als
hätten sie durch den Aufenthalt im Nirgendwo des Nichts
ihr wahres Gesicht erhalten, ihr Gesicht, an das ich glauben
kann und muß, und deshalb malen muß und will . .
.". Am Schluß läßt Fauser seinen Tizian in
Verzweiflung sterben, läßt ihn sagen: . . .
ich wollte begreifen . . ., begreifen, wie Gott es macht,
daß er in allen Schatten noch sein Licht und im Chaos
noch seine tausendfältige Form bewahrt . .
.". Wo Fauser zum
Expressionisten hätte werden können, ist er eher
ein skeptischer Symbolist. Wenn er Apoll und Marsyas"
(1970) malt und dem Marsyas, kopfunter an einem Baum
hängend, die Haut herunter gezogen wird;&emdash;oder
wenn er, in der eher heiteren Szene Nächtliches
Spiel" (1984), einem Mädchen vor dem Spiegel mit Katze,
diese wie aus dem Spiegel kommen läßt. Auch nicht
gemalte Personen können gegenwärtig sein, wie in
dem Interieur mit schwarzer Decke" (1984) oder dem
ebenfalls 1984 gemalten Zwei verhüllte Sessel".
Spannungen zum Bersten auch da, wo scheinbar nichts
geschieht, nichts sich ereignet. Er habe, sagt Fauser heute,
nicht für die Kunst gelebt", sondern mit
der Überzeugung, daß die Menschheit geändert
werden muß". Und gleich fügt er hinzu: Das
war ein Irrtum, denn in der Politik stellen sich
Freundschaften als Nicht-Freundschaften heraus".
Kompromißlos, wie er ist, fährt er fort:
Ich lehne es ab, Künstler zu sein; mir geht es um
andere Dimensionen. Ich bin Maler". Mit diesem Satz fegt er
alle Theorien, alle Ideale fort. Er bekennt sich zum Wagnis
von Leben und Malerei, fordert sich heraus, haßt
Konventionen: Keine Formalismen, kein schöner Schein,
dafür die ständige Frage nach der verborgenen
Wahrheit im Bau der Welt, in der Landschaft und in der
Natur, in der Gestalt der Menschen, ja auch in den Dingen,
die ihn umgeben. Um die verborgene Welt in
seinen Bildern sichtbar werden zu lassen, hat Fauser sich
lange mit der Kunst von Cézanne auseinandergesetzt
und sich eine eigene, strenge und groß gesehene Form
erobert. In seinen Landschaftsbildern aus der Provence, aus
Italien und Jugoslawien tritt einem unversehens die Kraft,
die einmal diese Berge hervorgebracht hat, entgegen anfangs
in hellen, klar gegeneinander gesetzten Farben, später
in tiefem Dunkel und geheimnisvollem Braunrot, Violett oder
Grün. Viele sind so, als könnten die
Naturgewalten, die sie hervorgebracht haben, jederzeit
wieder ausbrechen. Die Gefährdung der Dauer, in dunkel
glühenden Farben vor fast immer nächtlichem
Himmel, wird in der Radierung Die Woge" (1976) zur
Vision von Schöpfung und Untergang. Je länger man sich mit
Fausers Bildern beschäftigt, umso mehr rücken
Spannung und Weite der Welt ins Bewußtsein; umso
fragwürdiger werden, auch angesichts der Schönheit
der Malerei, Vorstellungen von Sicherheit. Die
Größe des Vergänglichen überstrahlt -
und verdunkelt - Berge und Täler, Felsen und Meer, sie
bedroht Ruhe und Stille. Fauser hat in vielen seiner
Landschaften Ausdruck und Gleichnis auch für sein
eigenes Leben gemalt. Nicht Negation, sondern
Intensität hat alles geprägt, den politischen
Widerstand wie die sinnlich begründete Erkenntnis.
Halbheiten hat Fauser nie statuiert, alles Kleinliche immer
verachtet. In vielen seiner Bilder muß sich das Leben
gegen Schrecken behaupten, gegen Todesvisionen und gegen das
alte homo homini lupus". Die grausamsten Szenen, die
er gemalt und radiert hat, sind lange nach dem Krieg
entstanden: Bittere Wahrheiten, die Träume ins
Bewußtsein gehoben haben und zu Bildern geworden sind.
Vision und gespiegelte Realität: etwa in dem Triptychon
Die Chimären" (1969/70), in Asyl" (1970),
in den Marodeuren" (1987) und in den Aquarellen
Ein deutscher Winter" (gemalt 1980) und Evviva
la libertà" (1982). Die Direktheit
bestürzt. Fauser verbirgt nichts, malt, was er erlebt,
was er gesehen hat und steht immer auf Seiten der Opfer, wie
im Bild Zwei Mütter (nach der Bombardierung)",
und in Finnische Herbstnacht 1941 (Toter
Horchposten)", beide aus dem Jahr 1987. Es sind Erlebnisse
aus seiner schlimmsten Kriegszeit in Finnland, über die
er auch ein Schauspiel Die heimlichen Brüder"
geschrieben hat. Die antike Mythologie bot
sich, ähnlich wie für Picasso und andere, auch
für Fauser als eine Art Ausweg an. Das begann schon
früh, angesichts der Satyrfamilie" von Altdorfer;
später fand Fauser seine Symbole in der
ägyptischen Skulptur, in assyrischen und
vorderasiatischen Reliefs und in der Welt der griechischen
Antike. Das Panische, Teuflische in Bocksgestalt;
schöne schmale dunkelhaarige Mädchen, abscheuliche
Hexen ermöglichen so etwas wie eine Flucht aus dem
realistisch Nicht-Darstellbaren. Fauser hat sich in solchen
Szenen oft erstaunlich leicht und souverän bewegt.
Radierungen, in denen er erlebtes Grauen in mythologische
Szenen bannt, wirken fast wie Arabesken am Rande des
Geschehens. Seine Bilder der eigenen
Familie stehen im Werk wie abgeschirmte Inseln. Die Eltern
mit dem Sohn beim Kartenspiel (Der Joker", 1954) und
das Mittelbild des Triptychons On the Road" (1967/68),
das von zwei Flügelbildern mit Alters- und
Todessymbolik gerahmt wird; zuletzt das großartige
Doppelbildnis Das Paar" (1985): Zwei Menschen am
gemeinsamen Tisch, standhaft unter der Last ihres Lebens. Es
ist ein Bild, das für eine ganze Generation stehen
kann, für jene, die auf der Suche nach Wahrheit ihre
Augen nicht vor den Abgründen menschlicher Existenz
verschlossen haben. Es ist das Bild eines Maler-Ehepaares,
das, so anders es in vieler Hinsicht auch sein mag, dem
Doppelbildnis merkwürdig verwandt scheint, das Max
Beckmann 1941 in Amsterdam von sich und seiner Frau gemalt
hat. Picasso hat einmal gesagt,
er male gegen den eigenen Tod. Eine Totenwache", von
Fauser 1969 gemalt und radiert, zeigt ihn als Kind unter dem
offenen Sarg der Großmutter und eine Krankenschwester,
die ihn mit der Kerze sucht. Im Triptychon On the
Road" erscheint rechts die Mutter im Sarg, in den Armen des
lange verstorbenen Vaters. In Fausers Bildern, die -
durchaus unüblich, im Lauf der Jahre immer dunkler
gemalt werden, behaupten sich die Farben dennoch zunehmend
gegen die Nacht, behauptet sich gegen das Dunkel das Licht.
Ergreifend die Bilder, die er 1987 nach dem Tod seines
Sohnes gemalt hat: Zeit der Verwandlung" und Und
am Ende das Licht". Man könnte meinen, das
ganze Werk von Fauser sei bestimmt von Farbe und Licht als
Symbole für Leben im weitesten Sinn. Das gilt auch
für seine Stilleben mit Blumen und Früchten, in
denen jede Form beobachtet und charakterisiert ist und mit
besonderer Bedeutung ihren Platz in der Komposition
zugewiesen erhält. Fausers Maxime: Nur Dinge
malen, die ich erlebt habe, die ich gesehen habe", greift
auch hier weit über das Sichtbare und Rationale
hinaus. Im ersten
Bilderbogen", der, unter Beteiligung von HAP
Grieshaber und Arthur Fauser, 1946 bei Galenz in Stuttgart
erschien, ist, neben anderen Texten, der folgende zu
lesen: Wo ist denn Auf dem zweiten Bogen steht
ein Wort von Lautréamont:: "L' homme est un sujet
vide d' erreurs, tout lui montre la vérité". -
Eine Erkenntnis, die Ernst, Schönheit, Grausamkeit und
Trauer ins Licht der Wahrheit taucht. Doris
Schmidt
die weisheit
und wo ist
die stätte des
verstandes?
der abgrund
und der tod
sprechen:
wir haben
mit unseren
ohren
ihr gerücht
gehört!
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